Tenöre sind durch die Bank weg verhätschelt.


Mehr wäre dazu kaum zu sagen. Das liegt hauptsächlich daran, dass es nie genug Tenöre gibt. Ein Chorleiter würde lieber seine Seele verkaufen, als einen auch nur halbwegs passablen Tenor gehen zu lassen (während er jederzeit gerne ein paar Altistinnen zum halben Preis verscherbeln würde). Und dann ist es aus un­erfindlichen Gründen immer so, dass die wenigen vorhandenen Tenöre meistens gar nicht mal so schlecht sind eine der Ungerechtigkeiten des Lebens. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass sich Tenöre immer gleich gebärden wie die Pfauen. Wer schafft es auch sonst, den Sopran in Ohnmacht fallen zu lassen? Es gibt nur eine Sache, die Tenöre zutiefst verunsichert. Das sind die zweifelnden Äußerungen (vornehmlich vom Bass), dass jemand, der so hoch singt, unmöglich ein richtiger Mann sein kann. In seiner eigensinnigen Art würde ein Tenor das niemals zugeben, er beschwert sich nur um so lauter, dass der elende Sadist von Komponist ihn dazu zwingt, ständig so hoch singen zu müssen.

 

Mit dem Dirigenten verbindet der Tenor eine Art Hassliebe. Der Dirigent will immer, dass der Tenor noch lauter singt, weil ja immer zu wenig Tenöre im Chor sind. Seit Beginn der musikgeschichtlichen Aufzeichnungen hat es noch nie einen Dirigenten gegeben, der in einer Forte-Passage den Tenor drosselt. Tenöre fühlen sich in irgendeiner Art von jeder anderen Stimme bedroht: Der Sopran erreicht diese verdammt hohen Töne. Der Alt singt immer noch spielend in der Tonlage, in der sich der Tenor beinahe schon selbst erwürgt. Und die Bässe obwohl sie nicht über das E hinauskommen sind laut genug, um den Tenor sang- und klanglos untergehen zu lassen.

 

Selbstverständlich würde ein Tenor lieber sterben als seine Ängste einzugeste­hen. Es ist aber eine (zugegebenerweise nicht allzu bekannte) Tatsache, dass Tenöre während des Singens heftiger die Augenbrauen bewegen als alle anderen Stimmen.